Freitag, 11. Januar 2002Der Feuersturm
Wind weht über das leere Tal, Bäumen biegen sich im Wind. Äste brechen, fallen nieder, zerbrechen nochmals auf der Erde. Sie werden durch die Windstöße über die Erde getreten, bleiben liegen in einem Loch, an einem Hang. Es ist Nacht, der Mond lacht auf das Tal hernieder, der Wind singt seine Lieder, die Lieder der Vernichtung, des Todes, des Lebens, der Wiedergeburt? Ich weiß es nicht.
Weiter biegen sich die Bäume, der Wind pfeift durch die Äste, reißt Blätter herunter, sie fallen verloren nach unten, werden verwelken, braun werden, schließlich zerfallen, zu Staub. Ich stehe hier, sehe dem Schauspiel zu, ich kann nicht weg, bin gefangen an diesen Ort? Rennen kann ich, fliegen kann ich, aber ich kann nicht vom Sturm davon rennen. So viele Tage vorher sah ich ihn schon. Schwarze Wolken, die von Süden herbei kamen. Ich fühlte es, was sollte ich machen? Wachen? Nichts war zu etwas gut, ich blieb, wartete. Wolken ziehen auf, vom Sturm beschworen, reißen auf, fügen sich schon zusammen, reiben sich, schmiegen sich einander, wie Liebende, zärtlich, man mochte fast anfangen zu träumen. Plötzlich lacht ein Blitz, fegt über den dunklen Himmel, erhellt ihn für eine kurze Zeit, ein Leuchten. Ich zucke zusammen, Angst. Was wird sein, was wird kommen? Was wird bleiben, ist hier die Frage, die in die Nacht sieht, mit ihrem Licht einen Hof in den Gedanken bildet, um dem die Mücken kreisen. Ein weiterer Blitz kommt hernieder, schlägt in die alte Eiche ein. Das Krachen so laut, wie eine große Bombe, der Ton, sticht ins Herz hinein. Das Holz zersplittert, bricht, fällt in Fetzen auf den nassen Boden nieder. Wie eine Wunde klafft der tote Baum in dem Land. Die Eiche brennt, das Knacken, die Schreie, der weiße Rauch, die Tränen, Gestorben, Vergangenheit. Plötzlich brennt das Gras, es windet sich in den Flammen, wird zur Asche, zerrissen von dem Wind, zerstreut, nichts, fort, gegangen. Ein lautes Krachen, ein Blitz streichelte die Erde, Dampf kriecht hervor, wie kleine Raupen, dann wie ein Mückenschwarm, Feuer, der Wald brennt! Die lodernde Wärme geht über mich wie ein Schauer, Lähmung, ich kann nicht gehen, zittern, Kälte, das Herz erfriert. Ein Krachen, wie ein Schrei aus dem Himmel, Regen fällt, Blitze zucken, Engel fliegen einen bunten Todestanz, weinen, schreien, werden Nebel, Vergangenheit. Brennende weiße Vögel fallen vom Himmel, zersplittern auf dem Aschefeld der Feuer. Ein letztes Wimmern, als Botschaft des Schmerzes. Größer das Feuer, die Wärme kriecht über den kalten Boden, lässt erfrorenes verdampfen, Eisblumen brennen im Schnee, Tropfen, als Tränen fallen auf die Erde, werden zugleich vom Feuer verzehrt, Wasserdampf steigt auf. Ich sähte sie einst, sie erfroren im Hass, Eisblumen, der Rest der war. Liebe, einst Erinnerungen kommen, spotten, lachen. Eisblumen, Vergangenheit, eingefroren in den Gedanken liegend, erfroren die Erinnerung an grausige Tage. Der Schnee, das Tuch, brennt, es zischt, als würde Fleisch verbrennen, die Erde wandelt sich zu Asche, ein Aschefeld, wo das Feuer einst war. Das Haus steht in Flammen, erst der Garten, dann das Dach, Funkenflug kommt, wie Nadeln, ein Stechen, ein Schmerz, der Vorbote der endgültigen Vernichtung lässt sich durch sein fahlen Grinsen zu einem Vogel formen, der über mich hinweg fegt, mein Haar versengt. Es fühlt sich erst kalt an, dann heiß, schnell wieder kalt. Die Flammen, sie sind bei mir, hüllen mich ein in Rauch, Wärme, Luft, ich will atmen, Wärme, ein Kribbeln, der Schmerz schreit auf. Zucken, ich will fliehen, gefangen, gehalten von der Hand des Feuers, unfähig sich zu bewegen. Der Schmerz geht, warm, es ist so warm, heiß, kalt, keine Definitionen mehr, ich falle, sehe nichts mehr, schwarz, Gedanken, letzte Erinnerung, frei sein, ein Schrei, keine Stimme, keine Luft, Tränen fallen, verdampfen. Der letzte Engel fällt, ruft meinen Namen, ich sehe ihn nicht mehr! Trauer, Schmerz, alles verläuft in sich selbst, sich zu vergessen. Ich bin müde, Schlaf überfällt mich. Müde, schlafen, gehen, frei sein, das Feuer nicht mehr sehen. Gedanken verschwinden, fügen sich in einen Tanz, Licht, ich schwebe. Ich fühle mich so frei, so klar, es ist so wunderbar, das Licht, so hell, Töne, Silberklänge, sie rufen mich, gehen. Weitergehen. Ich muss weitergehen, Licht, zum Licht. Lass mich los, ich will weiter, haltet mich nicht fest. Ziehen, Treten, frei sein, Flucht. Tausende Hände, wollen mich halten, wie die Flammen, hindurch ringen, näher beim Licht, schneller, der Atem steigt, das Herz schlägt schneller in der Brust, kein Gedanke, Licht zum Licht. Endlich frei, keine Hände, ich sehe meine Kleider nicht. Ich gehe die Treppe hinauf, sie ist aus Kristall. Das Tor, so hell, das Licht. Ich schreite in das Tor, sehe die Engel, die einst gefallen, sie rufen mich, lachen, ich schreite durch das Tor, werde aufgenommen in das Licht selbst, werde eins damit, wieder ein Kribbeln, jemand nimmt meine Hand, es ist der letzte Engel, der gefallen ward, meinen Namen gerufen hat, ich schaue ihn an, lächele. Siehst du dich? ** Dunkler Wanderer 11.01.2002 ** Freitag, 26. Oktober 2001Die Straße des Lebens; Julkur's Heimkehr
Dunkel und schwarz waren die Nächte, wenn der Mond, sich schwach durch die Wolken wagte. Leise wiegte der Wind die Bäume, die Wölfe heulten. Es war eine der schwärzesten Nächte in diesem Jahr, es war fast Heilig Abend. Der Herbst hat bereits die Blätter fallen gelassen und sie verrotteten auf den gepflasterten Wegen, die zum Schloss führen. Niemand wagte sich dort hin, es war das schwarze Schloss. So nannten es die Bewohner, des kleinen Dorfes Grimwald, das am Fuße des Berges lag. Es war ein kleines verschlafenes Dörfchen, mit einigen Bauernhöfen, einen großen Wirtshaus und einigen Wohnhäusern. Wahrlich, es wohnte nicht sehr viele dort und das Wort des schwarzes Schlosses, das leise „Todesstein“ genannt wurde, weckte Grauen und Angst. Niemand sprach hier dort davon, außer bei großen Festivitäten im Wirtshaus „Zur Grauen Ente“.
Wie alt war doch schon dieses Haus, alte Eichenbalken ließen an ihren Rissen erkennen, dieses Haus stand schon länger, als alles andere hier. Das Wirtshaus war außerdem das einzige Gebäude, das den großen Krieg überstanden hatte. Es war zur Hälfte aus Stein gebaut, nur oben der 3 Stock, der gleichzeitig spitz zulaufend auch das Dach bildete, war auf Holz und Lehmreisig gefertigt, die restlichen Mauern waren von Hand behauen aus weißem Sandstein. Das alte Schild am Eingang, das eine verrostete Metallente zeigte, lud zum Trinken ein. Es war das beste Wirtshaus in dieser Gegend und wurde auch so gerne besucht. Gaukler und Streicher, Bauern und einige Wanderer kamen, aßen oder übernachteten dort. Es war ein Ort ein Ruhe und der Glückseligkeit. Doch all diese Ruhe wurde durch seltsame Ereignisse in diesem Dorf von einem Schatten überzogen. In Grimwald verschwanden Menschen, am Tage noch gesehen, des Nachts verschwunden auf wundersame Weise, sie tauchten niemals wieder auf. Einige Menschen berichteten, sie wären Todesstein zu nahe gekommen und die Gespenster hätte sie gefressen oder verschleppt. Nur allzu oft wurde mit einem Fass Bier darüber diskutiert, was diesen Menschen widerfahren ist. Wirklich sagen konnte es niemand. Bisher wurde niemand von diesen Menschen wiedergesehen. Tief in dieser Nacht ging ein Schatten durch das dunkle Nichts. Kaum zu sehen und doch da, ein leichter Umriss in der Dunkelheit. War dies ein Mensch, der durch den verwilderten Schlossgarten schritt? Die Blätter fuhren über das Gras, wurden sogleich aufgewirbelt, fielen gleich zu Boden, wie verlorene Seelen, die vom Baume in die Unendlichkeit gesendet wurden. Der Mond kroch schweigend hinter einer Wolke hervor. Der fahle graue Schein der Sonne der Finsternis richtete sich auf das Gesicht des Schatten. Seine Zähle glitzerten im Licht, wie Elfenbein. Ein leichtes Grinsen durchfuhr Julkur. Was für eine Nacht, genau eine Nacht zum Jagen, was würde heute auf seinem Speisezettel stehen? Er wusste es noch nicht, aber es war klar, das es ihm wieder nach Blut dürstete. Sein Vampirsein, hatte ihn schon vor 400 Jahren verflucht. Wie sehr wünschte er sich wieder so zu sein, wie er mal war. Doch diese Gedanken schwanden in den Dunkel der Vergangenheit. Julkur schritt über die Familiengräber des Schlosses. Eiserne Kreuze lagen schattenhaft in der Nacht und Rost nagte an ihnen, wie kleine Mäuse, die den Käse zernagen. Langsam würde es auch zerfallen, wie alles, war einmal war. Er war der letzte. Welch ein Glück hatten damals seine Brüder und seine Schwester, die sterben durften, nach ihrem langen Leben. Er war unsterblich! Nichts konnte ihn töten, fast nichts. Böse grinsend wandte er sich um und sah die Lichter von Grimwald. Heute würde es soweit sein. Doch Zweifel hauchten sich leise in seinen Geist. Wie oft dachte er an seine Schwester Fema, die sich damals vom Turm stürzte. Sie sprang lieber in den Tod, als auf ewig verflucht zu sein, zu wandern zu töten. Es war ein Fluch, der schlimmste Fluch, den ein Mensch auferlegt werden konnte! Der Fluch nicht Sterben zu dürfen. Wen sah er nicht alles gehen, alles war ihm etwas bedeutet hatte. Was war das Schloss nicht einmal für ein Ort, als hier Gaukler spielten. Julkur seufzte. Der Gedanke ein Mensch sein zu wollen kroch, wie Regenwasser durch seinen Geist, gleichzeitig wie Tränen durch die Erinnerung. Er wollte es nicht glauben, er wollte nicht daran denken! Er akzeptierte sein Dasein? War es wirklich so? War er glücklich allein zu sein in seinem Schloss dem Gefängnis, dem Kerker, wo er sich vor der Sonne schützte? Nein, er war es nicht, aber er schob es schnell beiseite. Heute würde er töten. Wiedereinmal, wie so oft. Er erinnerte sich, als er zum ersten Mal durch diesen Blutwahn zum Wahnsinn getrieben wurde. Durst, Durst nach... er blieb stehen. Er konnte sich nicht dran erinnern, wie und was er fühlte, als er zum ersten Mal seine spitzen Zähne in den Hals einer Frau rammte. Langsam lichtete sich der Schleier der Erinnerung. Die Bilder wurden deutlicher. Sie schrie und wehrte sich, fiel zu Boden, weiß und ohne Farbe wie die Wand. Tot, eine leere Hülle, ihres Lebens beraubt, wonach es ihm gelüstet... Weiter schritt er durch die Nacht, es wurde Zeit, er hatte Durst. Das Tor glitt quietschend auf, Julkur schritt hinaus auf den alten Weg, der links und rechts mit Gras und einigen Pflanzen überwuchert war. Er ging zum Dorf Grimwald, wie oft war er nicht mehr dort gewesen, wie oft wurde er in anderen Dörfern gejagt, nichts konnte ihn stoppen, nichts konnte ihn töten. Er war Julkur, unsterblich. Zum Leben verdammt, zum Töten geboren, ein Teufel der Nacht, verflucht bis in alle Ewigkeit zu wandern. Die Wolkendecke schloss sich wieder, der Mond war nicht mehr zu sehen, die Augen konnten kaum einen Baum ausmachen, was für eine herrliche Nacht. Julkur glitt an der Stadtmauer von Grimwald entlang, wie so oft waren die Wachen fort, vermutlich im Wirtshaus, wie so oft, eine zarte und doch schmackhafte Gelegenheit. Er glitt leise wie ein Schatten durch die Nacht, hinein in das Dorf, suchend um seinen Durst zu stillen. Oben in Fenster brannte noch Licht. Unten war niemand zu sehen, eine gute Gelegenheit. Dieses Haus musste beobachtet werden. Wie eine Katze schwang sich Julkur auf einen Baum, lugte durch die Äste in das Fenster, eine Kerze brannte auf dem Tisch, nichts war zu sehen. Er glitt wieder hinab. Er würde dort hineingehen und sehen und schauen und trinken. Schwach drückte er gegen die Eingangstür dieses Hauses, sie war verschlossen. Stärker wurde seine Kraft, leise knackend brach der Holzbolzen, der sie hielt. Offen war die Tür, keine Frage, nur die Türen des Schlosses würden ihn halten. Mit Eisen beschlagen zusätzlich mit großen Stangen, die fast alles hielten, selbst eine Zeit einen Rammbock. Julkur glitt hinein. Es war ein gewöhnliches Wohnhaus, klein und bescheiden eingerichtet. Die Treppe führte in das obere Stockwerk. Man hörte nichts, scheinbar war dort jemand alleine, um so besser. Er tappte leise die Treppe hinauf, niemand sollte ihn bemerken. Leise glitt er in das lichtbeschienene Zimmer, niemand war dort! Solch eine Arbeit und niemand mehr dort! Julkur ärgerte sich und wollte wieder gehen, als er Schritte hörte. Breit grinste er, der Speichel tropfte ihn schon aus seinem Mund. Die Zähne glitzerten im Kerzenschein. Durst! Durst! Er verschwand hinter der Tür, Überraschungen waren ihm das liebste. Die Tür wurde leicht weiter aufgeschoben, jemand trat hinein und ging zum Tisch hinüber, die Gelegenheit! Julkur machte einen großen Schritt und riss an ihren langen blonden Haaren. Sie schrie, er verdrehte ihr den Arm hinter den Rücken, kein Entkommen, jetzt gehörst du mir. Mir allein, dein Leben, in meiner Hand. Sie wehte sich, vergebens, vergebens wie alle anderen auch. Er zog den Kopf zurück, um zubeißen zu können, sich laben zu können, an den handwarmen Blut, das herausschießen würde, wie aus einer Quelle. Diese Quelle, eine Quelle seiner Existenz. Als Julkur gerade zulangen wollte, glitt sein Blick in das Gesicht. Das konnte nicht sein! Unmöglich! Wie ein Blitz durchfuhr es ihm in alle Glieder. Zittern machte sich breit, ein Aufschrei in seinem längst vergessenem Herzen. Es war das Gesicht seiner Schwester. Er warf sie fort, wie angegriffen von Licht, nicht sie das konnte nicht sein, sie war tot, sie war schon so lange tot. Seine Schwester. Die Erinnerung schoss durch seinen Geist. Er sah sich, wie er sie hielt, als sie unten am Boden aufgeschlagen lag, ihr das Blut auf den Mund lief. Wie sehr hatte er geschrienen, das sie nicht sterben sollte. Wie sehr hatte er Gott angefleht, es geschah nichts, sie sagte ihre letzten Worte bevor sie starb. "Niemals ein Knecht der Hölle, niemals ein Engel des Todes, niemals, sie alle zu finden..." Schrecken durchfuhr ihn, wie ein Blitz schoss er aus dem Zimmer die Treppe hinab, heraus in die Nacht, ein letzter Schrei von ihm gellte durch das Dorf, welches jeden bis ins Mark erzittern ließ. Wieder auf dem Schloss. Julkur kniete vor dem Grab von Fema. Er hatte sie selbst mit seinem Vater begraben. Die Erinnerung sprudelte, wie eine im Fels gefangene Quelle. "Niemals ein Knecht der Hölle, niemals ein Engel des Todes, niemals, sie alle zu finden..." schoss ihm immer wieder durch den Kopf. Die Stimme seiner Schwester, ihr Gesicht, die Bilder, er vermochte rasend zu werden. Schreiend raste er durch das Schloss, zertrümmerte Stühle an den Wänden. "Niemals ein Knecht der Hölle, niemals ein Engel des Todes, niemals, sie alle zu finden..." immer wieder, wie ein Hauch, ein Wind, der Wind, heulte mehr denn je, der die Fundamente seines Selbst zernagten. Julkur, lag schreiend und weinend auf den Boden der Bibliothek. Das Tagebuch seiner Schwester in den Händen und er lass: "Niemals ein Knecht der Hölle, niemals ein Engel des Todes, niemals, sie alle zu finden, sie zu töten. Niemals verflucht sein, in der Welt des Lebens. So gehe ich den letzten Schritt, den Schritt in die Ewigkeit zurück. Gott, Vater, Bruder verzeiht ich muss gehen, sicherlich könnt ihr das niemals verstehen. Weint nicht um mich, die Engel werden klagen, die Würmer sich an meinem Gebein tun laben. Ich werde sein ein Kind des Himmels, Euer Schutzengel, Euer Schild. Bis an diesen Tage, ihr blicket in das Licht, kommt nach Hause zurück. Wartend an der Pforte, bis ihr liegt in meinen Armen, trauert nicht, denn ich bin nicht verloren, Ich werden wiedergebor'n." Die letzten Worte dieses Buches, bevor es geschlossen wurde für alle Zeit. Julkur klappte es zu, Tränen rollten über sein weißes, totes Gesicht. Wie lange hatte er nichts mehr gefühlt? Schließlich setzte er sich in einen alten Sessel und dachte, an die frühere Zeit. Wie lange hatte er nicht mehr den Tag gesehen? Wie lange hatte er nicht mehr im Herbst die frohen bunten Farben der Blätter gesehen. Er hatte alles verloren, alles was er hatte, selbst sein Leben, seine Seele. Nichts war ihm geblieben, nur seine Erinnerung. Schweigend, still saß Julkur in dem Sessel und starrte gegen die steinerne Wand ihm gegenüber. Die letzten Worte gingen ihm immer wieder durch den Kopf. Er wollte wieder ein Mensch werden, er wollte wieder das sein, was er war, bevor er mit dem Fluch der Unsterblichkeit belegt wurde. Er fasste seine Gedanken zusammen, nahm das Tagebuch seiner Schwester und ging durchs Tor hinaus in die Nacht. Bald würde es Morgen werden, in einigen Stunden, wäre es Tag. Einmal einen Sonnenaufgang wieder sehen, einmal die bunten Farben der Herbstblätter, die noch vereinzelt an den Bäumen hingen mit dem Licht der Sonne sehen. Einmal wieder einen Tag erleben. Julkur durstete es nach Freiheit, nach seiner Freiheit sterben zu dürfen. Der Gedanke nach Blut verdampfe bei dem Anblick dieses Gesichtes. So schön, so warm, so vergänglich... Julkur saß unter einem einsam stehenden Eichenbaum, der seine großen Äste in den Himmel streckte, als würde er ihn berühren. Im hellen Mondlicht lass er einige wenige Seiten, die seine Schwester damals verfasst hatte. Er schaute über die Felder, über die kleinen Hügel und Täter, nach Grimwald. Wie glücklich doch dort die Menschen wären, wenn das Übel nicht wäre. Es würde ein Ende finden. Julkur zückte eine Feder, ein Fässchen Tinte hatte er in seiner Tasche. Er schlug die letzte Seite dieses Buches auf. Seine letzten Zeilen für den, der sie finden würde. Er schrieb: "Nie mehr weiter ein Knecht der Hölle, niemals mehr weiter zum Töten geboren. Lilith hat verloren, das Licht wird in diesem Morgen siegen, ich werde sein, das woraus ich gemacht. Ich, Julkur, der Träger der Alpträume, lasse Euch wissen, das der letzte Vampir, gegangen ist. Nehmt das Schloss als mein Geschenk, lasst es wieder werden wie vor meiner Zeit. Verzeiht!" Als er den letzten Satz schrieb lichtete sich die Nacht, ein Morgenrot war am Himmel zu sehen. So schön, so klar. Julkur sehnte sich nach dem Licht, so lange gefangen in den Kerkern seiner Existenz. Bald würde er durch die Pforte gehen, ein letztes Mal, für immer fort. Die graue Wolkendecke riss auf, die ersten Strahlen trafen ihn. Es war ein Gefühl wie tausend Ameisen, kribbelnd überall. Julkur blickte auf die Bäume, die sanften Herbsttöne der Blätter, die frohen Farben ließen ihn lächeln, der hatte sich selbst wiedergefunden. Ein Lächeln aus dem Herzen, sein letzter Gedanke, bevor er zerfiel, zu Staub. Das Buch blieb zurück, als Erinnerung. Julkur war Staub und Asche, woraus er noch war. Der Wind trug sie in alle Richtungen fort. Erinnerung. Schließlich weit später am Tage, hob ein Bauer dieses kleine Buch auf. Schlug es auf, welch eine liebliche schöne Handschrift, er konnte nicht lesen. Er würde es zum Schreiber ins Dorf bringen. So lebte Julkur in der Erinnerung fort, hin aufgefahren zu den Silberpforten des Himmels, empfangen von seiner Schwester, die ihn liebevoll umarmte, ihn küsste. "Du hast lange gebraucht auf deinem Weg, schön dich zu sehen, Julkur." Er umarmte sie, drückte sie. Er wusste, er war wieder zu Hause,... ** Dunkler Wanderer 26.10.2001 ** Montag, 23. Oktober 2000Der Junge, der Computer, der Sonnenaufgang
Wir sehen in das Jahr 2053. Atomkriege, Biologische Verseuchungen und des Menschen Lust hat die Erde entstellt, sie verdorrt und zerstört. Sie dreht sich wie ein verdorrter Apfel um die Sonne herum. Der Himmel ist schwarz, voller Staub und Dreck komplett befleckt. Bomben haben ihn dort hin katapultiert, dabei tausende Menschen in einem Feuermeer versank, in die Pilz-ähnliche Todeshand.
Länder gibt es nicht mehr, Städte sind alle leer, Skelettreste liegen auf dem Spielplatz herum, der Tod herrscht nur übers Land. In tiefen Berghöhlen, wo die Armme ihre Kontrollstationen für ihre todbringenden Flüche bauten leben keine Menschen mehr. Computer blinkten und piepen noch, Todesgeruch. Die noch existierenden Raketenabschussbunker sind leer oder dort regt sich eh nichts mehr. Einige Zeichen auf dem Bildschirm sind der letzte Rest der ganzen Zivilisation. Digitale Karten die letzten Zeugen einstmals einer schönen Welt, einige Fotos, aufgeklebt auf kalte Armaturen zeigen den Geistern, das einstweilige Dasein, vor dem Krieg. Niemand ist mehr da, der noch berichten kann, wie es war als der Nukleare Winter kam. Gestorben sind viele, keiner ward mehr da, der noch einen Ton sprechen kann. Einige Städte wie ein großes Puppenhaus, wo einstmals Neutronenbomben den Tag erhellten. Doch an einem Ort gab es den letzten Menschen der Welt. Ein 14 jähriger Junge in einem Bunkerteil. Umgeben von Technik und künstlichem Licht, hunderte von Metern tief im Erdschlund versteckt. Er sah nichts von den großen Leuchtfeuer, was plötzlich kam, nur das Beben der Erde, wie als würde sie schreien. Nun sitzt er da und sieht sich um, Tasten, Knöpfe, Bildschirme, die ein schneeverzerrtes Bild von außen Kameras liefern. Satellitenbilder, die nichts zeigen als ein tiefes rot. Computer sind so weit, wie nie, denken, reden, plappern Müll wie nie. Doch viel Wahl hat dieser Junge nicht, er redet zu einem Maschinen Angesicht. Er fragte und man sollte ihm berichten, was andere anrichten. So wurde ihm gezeigt, was der Mensch hat vollbracht. Alles was noch war blinkte und blitzte in dem großen Betonsarg. So, sah der Junge, er war der letzte, alles was war. Er erinnerte sich noch zurück. Vor einer Woche hatte er noch Fußball gespielt, hatte seine Mutter umarmt, hatte Kuchen gegessen. Es war ein Alptraum, der über alles kam, was er sich vorstellen konnte. Aber warum er, wie überlebte er diesen Krieg, dazu der Computer schwieg. Fragen warum waren das große Rätsel der Zeit, Programme wussten alles, nur keinen Verstand. Essen war da, für die nächsten 30 Jahr. Wasser soviel man trinken konnte. Strom durch Atomreaktoren, bis sie durch die Zeit zerfallen. Niemand war da, niemand war nur annähernd zu sehen. Der Junge setzte sich und träumte von seiner Welt. Es war noch nicht so lange her, da tobte er noch im Schnee, der letzte richtige Winter, erst 8 Monate her. Einen Schneemann hatte er mit seinem Vater gebaut, und ihn Bob getauft. Nun ist er wie alles gegangen, in einem großen Rauchfaden. Doch wie fing es an? Niemand wusste genau die Antwort, keiner konnte es sich denken. Es war ein Computerkrieg, Netze von Daten, die das Ende beschlossen. Eigentlich wollt es doch keiner. Politiker redeten immer nur von Sicherheit von Abschreckung. Alles war ein Spiel und jetzt der Todesernst. Wer hatte angefangen? Wer will das denn noch wissen, darauf hätte jetzt selbst der Hund geschissen. Der Junge unterhielt sich lange Zeit mit dem Computer der Station, schaute Fern und vergaß mal das, was ihn so unglücklich hat gemacht. Die Zeit floss dahin und die Erinnerungen kehrten zurück. Nun wusste er, wie es anfing! Er erinnerte sich an so ein Netz, es wurde ProtNet getauft, ein dunkles Netz, entstanden aus Hass und Teufelsbrut, geschaffen für den Tod von Menschen. Wie war das doch gleich? Amerika brauchte ein Nukleares Abschirmnetz? Ja, wichtig war es, es musste sich doch geschützt werden. So fing es an. China und Amerika, sowie die klugen Russen, alle hatten kräftig gebaut, an Bomben und an dem ganzen Todesrauch, chemische Waffen, die das taten, was Bomben nicht geschafft. So kam es wohl zu einem Tag X. Computer begannen das Spiel erlernt aus Simulationen. Generäle freuten sich, als bunte Bildschirmraketen auf Landkarten rote Punkte hinterließen, wenn es hieß "wir haben gewonnen". Jetzt hat jeder verloren und auch der Junge war der letzte Verlierer der ganzen Welt. So lebte der Junge lange Zeit, unterhielt sich, ging in den kalten Gängen durch die Gegend, doch er dachte, was ist das für ein sein? Er fand schließlich noch mehr todbringende Fracht. Eines Tages, sah der Junge, jetzt schon Monate gefangen in einer Welt aus Tränen und Stahl, einer bitteren Welt voller Kälte, des Todes, der Einsamkeit, einen Sonnenaufgang. Der Himmel hatte ein Loch gestoßen in den schwarzen Wolkenpanzer aus radioaktiven Dreck. Wer hätte gedacht, nochmal so etwas schönes zu sehen? Ein sanftes rot-gelbes Licht drang durch, leicht im Schnee durch den unsichtbaren Tod verursacht, der selbst abgeschirmte Technik versuchte auszulöschen. Der Junge sah minutenlang auf den Bildschirm, genoss den Sonnenaufgang, genoss die Wärme, die er sich erträumte und dachte an seine Vergangenheit. Er dachte weiter und weiter nach und weinte dabei, lachte zugleich und wurde stumm. Gedanken wurden Farben. Er drückte einige Tasten wild einher, fand einen Schlüssel im blinkenden Farbenmeer, ihn um zudrehen war sehr leicht, wie einst ein General, seine Haut ganz bleich. Rote Lampen leuchteten auf, alles ging seinen Lauf, die Luke für die letzte Rakete dieser Welt, blieb dicht und stumm, ein gleißendes Zischen ging herum. Der Abschluss erfolgte nicht, der Rechner weigerte sich gegen über des Jungen Angesicht. Ohne das Öffnen der Abschussluke war der Zugang verwehrt, die Bildschirme warfen ein sanftes Rot, hinüber zu dem im Dock stehenden Tod. Das Sprachinterface verzerrt und kalt wiederholte nochmals den Bildschirminhalt. Der Junge redete wie ein Wasserfall, voller Tränen und Wut fast im Überschall. Der Rechner ohne jedes Gefühl nahm an dachte nach minutenlang. Das Interface rot, der Start blockiert, der Blick hoffend ins Okular: Ob ein Computer ein Gefühl verstand? In seinem Programm doch eine andere Anweisung stand. Das Interface bewegte sich von Rot ins Grün, wenn er wollte, durft' er gehen. "Lebe wohl mein Freund." er hatte noch gesagt, es auf alle Bildschirme gebracht, selbst das Fax, es hat ausgespuckt. Der Junge lächelt und sagte "Lebe wohl mein letzter Freund", dachte an seine Mutter, die er in Gedanken umarmte und der letzte rot-weiße Feuerblitz, zerfetzte den grauen Beton, Feuer zu Asche, Asche zu Feuer und brachte ihn vor ihr Angesicht..... ** Dunkler Wanderer 23.10.2000 **
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